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Wie kann die Nachhaltigkeit in die Hochschullehre implementiert werden?

Schweizer Hochschulen nehmen in der Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 des Bundesrats eine zentrale Rolle ein, denn Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen von heute sind die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen von morgen. Die Hochschulen müssen den Studierenden den Erwerb von Kompetenzen ermöglichen, welche diese im späteren Berufsalltag befähigen, die Nachhaltige Entwicklung zu fördern. Die Implementierung der Nachhaltigkeit in die Schweizer Hochschullehre ist dazu eine wichtige Grundlage. Das BAFU hat deshalb beim Institut WERZ eine Studie zum Thema in Auftrag gegeben, welche im 2020 erarbeitet wurde. Ziel der Studie war, Handlungsoptionen zusammenzutragen, relevante Akteure und Akteurinnen aufzuzeigen sowie mögliche Hürden theoretisch zu erörtern, um die Nachhaltigkeit in der Hochschullehre erfolgreich zu implementieren.

 

Nachhaltigkeit ist ein komplexes System und beinhaltet wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte, welche in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Im Rahmen der Studie wurde auf die ökologischen Aspekte fokussiert, basierend auf dem Modell der starken Nachhaltigkeit (siehe Abbildung 1). Dieses impliziert, dass eine widerstandsfähige Wirtschaft nur innerhalb einer gesunden Gesellschaft existieren kann, die von einer intakten Umwelt abhängig ist [1].

Abbildung 1:      Nachhaltigkeit: Modell der drei verschachtelten Systeme

 

 

Relevante Akteurinnen und Akteure sowie deren Einflussmöglichkeiten

Im Tertiär A Bereich werden die Schweizer Hochschulen in universitäre Hochschulen (UH), Pädagogischen Hochschulen (PH) und Fachhochschulen (FH) als gleichwertige Einrichtungen mit unterschiedlichen Aufgaben unterteilt. Bund und Kantone engagieren sich als Träger bei der Rechtsetzung und Finanzierung sowie bei der Steuerung und Aufsicht der Hochschulen [2]. Die Schweizer Hochschulen geniessen dabei eine grosse Lehr- und Forschungsfreiheit. Durch die gewährte Autonomie ist der Einfluss von ausserhalb einer Hochschule auf Lehr- und Forschungsinhalte nur begrenzt vorhanden.

 

Die Einflussmöglichkeiten, resp. Integrationswege der unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure in der Definition und Aktualisierung von Lehrinhalten sind bisher wenig erforscht und nur schwer einschätzbar. Auf Grundlage von Literaturrecherchen und Gesprächen mit Experten und Expertinnen wurden die wichtigsten Schlüsselpersonen identifiziert und ihre Einflussnahme eingeordnet. Die nachfolgende Abbildung zeigt die relevanten Akteurinnen und Akteure sowie deren Einfluss auf die Lehrinhalte am Beispiel des Hochschultyps Fachhochschule schematisch auf.

 

 

 

Abbildung 2: Schematische Darstellung der relevanten Akteurinnen und Akteure 
                    sowie Ihres Einflusses auf die Lehre einer FH

 

1  Anwendungslehre: fach- und branchenspezifisches Wissen mit fortlaufender 
    Aktualisierung (bspw. Kommunikation)

2  Basis-Lehre: Grundlagen und Methodik mit sehr wenig Anpassungen und 
    Aktualisierungen (bspw. Mathematik)

 

 

Hochschulinterne und -externe Akteurinnen und Akteure können Einfluss auf die Lehrinhalte einer Hochschule über informelle oder formelle Wege nehmen. Direkten Einfluss haben hauptsächlich Dozierende, welche die Lehrinhalte definieren und durch eigene Forschungstätigkeiten laufend aktualisieren. Diese Freiheiten werden allenfalls von Departements- oder Studiengangleitungen durch Rahmenbedingungen eingeschränkt. Die Leitung der Hochschule nimmt mit der Wahl von Dozierenden einen relevanten Einfluss auf die Lehrinhalte, da Lehrinhalte stark an die Persönlichkeit eines Lehrstuhls gebunden sind. Hochschulexterne Institutionen, wie bspw. Behörden, NGOs oder die Privatwirtschaft haben einen geringeren Einfluss auf die Lehrinhalte.

Fördernde und hemmende Faktoren
Die Dozierenden stehen aufgrund Ihres Einflusses klar im Fokus für eine erfolgreiche Implementierung einer neuen Thematik in die Lehre, wie bspw. die Nachhaltigkeit. Der optimale Einbezug der Dozierenden in den Prozess einer Implementierung ist demnach ein Schlüsselfaktor, wobei das persönliche Interesse und Bewusstsein der Dozierenden von grosser Relevanz ist. Auflagen und Vorschriften, welche Dozierende zur Aufnahme von Lehrinhalten verpflichten, werden neben fehlenden Ressourcen und fehlenden Strukturen als hemmende Faktoren beurteilt. Institutionelle und finanzielle Unterstützung von oberen Instanzen, didaktische und inhaltliche Weiterbildung für Lehrende sowie eine Verankerung im Curriculum werden als fördernd bezeichnet.

 

Handlungsoptionen

Zur Förderung der Nachhaltigen Entwicklung im Kernbereich Lehre werden verschiedene Handlungsoptionen bei Schweizer und grenznahen Hochschulen umgesetzt und von hochschulnahen Institutionen vorgeschlagen. Verschiedene Schweizer Hochschulen wie beispielsweise die Berner Fachhochschule (BFH) mit einem Aktionsplan zur Nachhaltigen Entwicklung [3] oder die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH-Zürich) mit der Definition von Umweltzielen [4] nehmen hierbei eine Vorreiterrolle ein. Im Rahmen der WERZ-Studie wurde ein Massnahmenkatalog zusammengetragen, welcher auf Aktivitäten der verschiedenen Hochschulen, Studien aus dem In- und Ausland sowie durchgeführten Gesprächen mit Expertinnen und Experten basiert.

 

Relevante Studiengebiete
Die Schweizer Hochschulen bieten Studienrichtungen in elf unterschiedlichen Studiengebieten an, welche unterschiedlich hohe Relevanz beim Thema Nachhaltigkeit einnehmen. So haben bspw. Absolventen und Absolventinnen der Wirtschaftswissenschaften meist einen deutlich höheren Einfluss auf die Umwelt, als solche mit Abschluss von Kunst, Musik und Sport. Das Institut WERZ entwickelte für die Bewertung der Relevanz von Studiengebieten oder Studienrichtungen eine Methodik, basierend auf den 17 Sustainable Development Goals (SDG). Die Studiengebiete Naturwissenschaften, Technische Wissenschaften sowie Rechts- und Wirtschaftswissenschaften wurden dabei mit einer hohen Relevanz zum Thema der ökologischen Nachhaltigkeit bewertet.

 

Weiterführung der Studie
Die Ergebnisse dieser theoretischen Studie zur Implementierung der Nachhaltigkeit in die Schweizer Hochschullehre sollen in einem nachfolgenden Forschungsprojekt im Auftrag des BAFU in der Praxis untersucht und evaluiert werden. Drei ausgewählte Pilotprojekte, welche mit unterschiedlichen Handlungsoptionen auf verschiedenen Ebenen einer Hochschule ansetzen, sollen an der OST umgesetzt und wissenschaftlich begleitet werden. Die Pilotprojekte sollen eine Grundlage für weitere Massnahmen legen (I) und die Nachhaltigkeit beispielhaft in die Lehre einer Hochschule implementieren (II und III):

  I.  IST-Situation der Nachhaltigkeit an der Hochschule erörtern

 II.  Interdisziplinäre Projektarbeit von Studierenden

III.  Anwendung von Kommunikations-Fachkompetenzen mit Bezug zur Nachhaltigkeit

 

Durch die wissenschaftliche Begleitung der Pilotprojekte und durch eine nachgehende Evaluation und Wirkungskontrolle sollen wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen aufbereitet und an weitere Schweizer Hochschulen kommuniziert werden. Dadurch soll die Nachhaltigkeit auch an weiteren Schweizer Hochschulen gestärkt und von den Absolventinnen und Absolventen in Wirtschaft und Politik getragen werden.

Ein Kurzbericht der gesamten Studie ist beim Institut WERZ (werz(at)ost.ch) auf Anfrage erhältlich.

 

Studie im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU)

Autor:

Lars Truttmann,
Institut WERZ

Quellen:

[1]   The Natural Step: Unsere Lebensgrundlage retten: Die negativen 
       Entwicklungen
stoppen.

[2]   Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation: Bildungsraum Schweiz.

[3]   BFH: Nachhaltigkeit

[4]   ETH Zürich: Leitung Umweltkommission, Umweltziele